ZEHN TUGENDEN FÜR DAS MODERNE LEBEN

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Wenn wir in unserer modernen Welt hören, jemand versuche, ein guter Mensch zu sein, kommen uns alle möglichen negativen Assoziationen: Wir denken an Frömmigkeit, Pathos, Blutlosigkeit und sexuelle Abkehr. Es ist, als sei Tugend etwas, das man nur dann ins Auge fasst, wenn alle anderen Optionen bereits ausgreizt sind.

Durch die gesamte Menschheitsgeschichte haben Gesellschaften ihre Tugenden gepflegt, indem Menschen sich darin geübt haben, tugendhafter zu sein. Wir sind eine der ersten Generationen, die gar kein Interesse an solcherart Training zu haben scheint. Du kannst zwar deinen Körper trainieren, aber erkläre mal, dass du trainieren möchtest, ein besserer Mensch zu werden und die Leute um dich herum werden dich für verrückt halten.

Es klingt vielleicht ziemlich schräg, vielleicht sogar etwas verrückt. Es sollte aber etwas ganz normales sein und darum ist das Manifest der zehn Tugenden für das moderne Leben entstanden.

Wer immer mal wieder einen Blick auf die von Alain de Botton zusammengestellten Tugenden wirft, dem wird es leichter fallen, das Menschsein nicht aus den Augen zu verlieren.

Manifest für gute Menschen - Zehn Tugenden für das moderne Leben

  1. Widerstand. Lauf weiter selbst wenn die Aussicht düster ist. Akzeptiere, dass Niederlagen normal sind. Denke daran, dass die menschliche Natur widerstandsfähig ist. Schrecke andere nicht mit deiner Angst.
  2. Emphatie. Übe deine Fähigkeit, dich in die Leiden und Erfahrungen anderer einzufühlen und hineinzudenken. Habe den Mut, ein anderer zu sein und auf dich selbst mit Ehrlichkeit zurück zu blicken.
  3. Geduld. Wir verlieren die Nerven, weil wir glauben, alles müsste perfekt laufen. Wir sind in einigen Dingen so gut geworden (Menschen laufen auf dem Mond), dass wir es kaum noch aushalten, wenn die alltäglichen Dinge trotzdem schief gehen, wenn der Verkehr, die Regierung oder unsere Mitmenschen einfach nicht "funktionieren". Werde ruhiger und lerne zu vergeben, indem du realistisch und ohne Urteil darauf blickst, wie die Dinge nun mal laufen: eben nicht perfekt. 
  4. Selbstlosigkeit. Es ist uns von der Natur mitgegeben, unseren eigenen Vorteil zu suchen, aber wir haben auch die wundersame Fähigkeit, unseren eigenen Erfolg für jemanden anderen hinten an zu stellen. Wir können keine Familie gründen, niemanden lieben oder diesen Planeten retten, wenn wir nicht die Kunst des Opferns am Leben erhalten. Bring täglich Opfer für deine Mitwelt.
  5. Höflichkeit. Höflich sein hat einen schlechten Ruf. Wir denken, es sei unecht und damit schlecht und dass ehrliches Ganz-wir-selbst-Sein authentisch und damit gut sei. Vielleicht sollten wir anderen ein Zuviel unseres wirklichen Selbsts ersparen, denn wir alle haben Abgründe in uns. Zeige Manieren, sie gehören zu den nötigen Regeln unserer Kultur. Deine Höflichkeit ist verbunden mit Toleranz - der Fähigkeit, mit anderen zu leben, deren Meinung du vielleicht niemals teilen wirst, denen du aber auch nicht immer aus dem Wege gehen kannst.
  6. Humor. Die lustige Seite der Dinge und deiner selbst zu sehen, klingt nicht sehr ernsthaft, ist aber unentbehrlich für die Weisheit. Dein Humor ist das Zeichen dafür, dass du wohlwollend akzeptierst, dass das Leben nicht immer all das geben kann, was du dir wünschst. Wie Wut, so kommt auch Humor aus der Enttäuschung, aber es ist eine optimal ventilierte Enttäuschung. Humor ist das beste, was du aus deiner Trauer machen kannst.
  7. Selbsterkenntnis. Entwickle einen Sinn dafür, was in dir selbst vor geht und was zum Draußen der Welt gehört. Dich selbst zu kennen, heißt, niemanden anderen für deine Sorgen und Stimmungen verantwortlich zu machen.
  8. Vergebung. Erinnere dich immer an die Momente, in denen du glücklich warst, dass dir jemand vergeben hat. Denke daran, dass das Leben mit anderen nicht möglich ist, ohne ihre Fehler zu entschuldigen.
  9. Hoffnung. Die Welt heute, ist nur ein blasser Schatten dessen, was sie eines Tages sein könnte. Wir sind immer noch am Beginn der Geschichte. Wenn du älter wirst, kommt auch die Verzweiflung immer leichter, fast wie ein Reflex. Halte dagegen! Pessimismus ist nicht tiefgründig und Optimismus ist nicht oberflächlich. Übe das Hoffen.
  10. Mut. Die größten Projekte und Ideen scheitern aus keinem anderen Grund, als dass wir uns nicht trauen. Dein Selbstbewusstsein ist keine Arroganz, sondern gründet auf deinem Gewahrsein, dass das Leben kurz ist und wir im Grunde gar nichts riskieren, wenn wir alles riskieren. Sei täglich mutig und selbstbewusst.

Weisheit und die Kunst zu leben

Wie sollen wir leben? Das ist die zentrale Frage der praktischen Philosophie. Und egal wie lange wir zur Schule gehen, wir lernen dabei nicht, wie wir ein Leben in Zufriedenheit und Glück führen können. Wir lernen weder in der Schule noch im Bachelor Studiengang, wie wir miteinander umgehen sollen, wie wir mit Pessimismus und Hoffnungslosigkeit umgehen können, wie wir mutiger sein können, wie wir Geduld und Widerstandskraft aufbringen, wie wir uns selbst kennen lernen und uns in andere Menschen einfühlen können. Wer all das trotzdem lernt, lernt es nicht systematisch, sondern eher am Rande, wenn die Rahmenbedingungen günstig sind. Dann schließt sich an Schule und Studium in der Regel ein langes Arbeitsleben an, in dem es wiederum schwer sein dürfte, die eigene Weisheit auszubauen. Vielleicht ist sogar das Gegenteil der Fall und wir verkommen moralisch, weil wir in wirtschaftliche Zwänge und Routinen eingespannt sind, die kaum Zeit und Raum für die Pflege der Tugenden lassen. Und die großen Tugend vermittelnden Institutionen, vor allem die Kirche, die noch vor wenigen Generationen die Menschen täglich zu einer Einkehr, Ruhe, Dankbarkeit und Besinnung anhielten, verschwinden zunehmend aus unserem Leben. Wir benötigen andere Formen der Pflege unserer Tugenden. Nicht, um irgend einem Gott zu gefallen, unseren Eltern, Lehrern oder irgend einem Führer. Wir müssen die Tugenden um unser selbst Willen pflegen, wir müssen bessere Menschen werden, damit wir das Meiste an Glück, Zufriedenheit und Erlebnissen aus dem Leben mit anderen und uns selbst herausholen können. Oftmals kommen wir erst im Alter zu solchen Weisheiten, die uns schon früher im Leben gut getan hätten. Warum sollten wir nicht heute gleich damit anfangen?

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